NEXT/6: Technologie und Ökonomie

Shownotes

Michael verantwortet seit acht Jahren den Bereich Verkehrsinfrastruktur bei AFRY Deutschland. Sein Blick auf Schienenwege und Straßen ist jedoch nicht nur der des Managers. Der studierte Diplomingenieur war selbst viele Jahre in der Praxis unterwegs und durfte bereits kurz nach Studienabschluss Verantwortung für ein großes Vermessungsprojekt im Bahnbereich übernehmen. Dies ist die Erfahrung, die Michaels Ansatz als Führungskraft prägt: Teams sollen sich eigenständig organisieren und vor allem auch den Wissenstransfer zwischen Erfahrenen und Jüngeren fördern. Doch reicht das? Haben wir eine Chance, den Sanierungs- und Planungsstau im Infrastrukturbereich aufzuholen? Und welche Rolle können digitale Technologien wie Building Information Modelling und KI hierbei spielen? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt Folge 6 von NEXT.

Gesprächspartner für diese Folge: Michael Backes V.i.S.d.P.: Maria Holschuh Moderation und Produktion: Stephan Paetrow Musik: spacewalk by Tea K Pea, CC-BY (freemusicarchive.org)

Wir freuen uns über Anregungen und Kritik unter next@afry.com. © AFRY Deutschland GmbH 2025

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00:00:11: Stephan Hi, herzlich willkommen zu einer weiteren Folge von NEXT. Mein Name ist Stephan Paetrow und ich arbeite bei AFRY Deutschland. Der Aufhänger für unseren heutigen Podcast ist ein Problem, das aus den Medien gut bekannt ist und das viele von uns täglich selbst erleben. Die Verkehrsinfrastruktur in unserem Land sah schon mal besser aus. Viele Straßen und Schienenwege, viele Brücken und Tunnel müssten eigentlich dringend erneuert werden. Alle sind sich einig, dass es so nicht weitergehen kann. Ebenso klar ist, dass es an Geld und an Fachkräften fehlt und ein über Jahrzehnte angewachsener Sanierungsstau lässt sich eben nicht mal schnell beheben. Stecken wir also in einer Sackgasse? Oder können wir, vielleicht auch inspiriert durch die Verkehrspolitik in anderen Ländern, irgendwas tun? Und wie stellt sich die Situation für jemanden dar, der seit langem mit der Planung neuer Verkehrswege zu tun hat? Um diesen Fragen ein wenig auf den Grund zu gehen, habe ich in Mainz mit Michael Backes gesprochen. Michael leitet bei AFRY Deutschland den Geschäftsbereich Verkehrsinfrastruktur. Doch zunächst wollte ich natürlich wissen, wie mein Gesprächspartner selbst seinen Weg in die Branche gefunden hat. Und damit geht es los. Viel Spaß bei Folge 6 von NEXT.

00:01:20: Stephan Also erzähl, wer bist du, was machst du?

00:01:24: Michael Ich bin der Michael Backes, bin Vermessungsingenieur und bin hier bei AFRY seit nunmehr acht Jahren Leiter der BU Transportation. Was bedeutet das praktisch? Elf Büros in Deutschland, das sind 190 Leute und wir machen hier das Geschäft mit Verkehrsinfrastruktur, insbesondere Bahn und Straße, und das mache ich jetzt seit nunmehr acht Jahren.

00:01:48: Stephan Der Berufswunsch Vermessungsingenieur, war der von Anfang an da oder gab es irgendwie ein Erweckungserlebnis?

00:01:55: Michael Also ich bin tatsächlich familiär belastet mit dem. Mein Vater war auch schon Vermessungsingenieur. Das Katasteramt, wo er gearbeitet hat, war neben dem Gymnasium, und wenn man ne Stunde oder n Block ausgefallen ist und das Wetter war gut, dann war das für mich immer sehr reizvoll, mit raus messen zu fahren. Also in den Außendienst nennt man das, und ich bin dann tatsächlich als Schüler mitgegangen und kannte eigentlich so das Geschäft, was man da macht. Das war aber gar nicht ausschlaggebend. Es ist wie so oft im Leben: Man sucht nach anderen Möglichkeiten, die haben dann gar nicht geklappt und dann war das mehr so n ich will sagen Notlösung, aber also so ne Möglichkeit, ja dann mach ich vielleicht doch was mit Vermessung und hab dann auch keine Lehre gemacht, sondern tatsächlich das in so einem praktischen Jahr und dann gleich studiert und dann war das eigentlich das Erweckungserlebnis. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht das Studium und war auch schnell klar. Es gibt im Vermessungsbereich eigentlich zwei Wege, damals zumindest: der behördliche Weg mit Kataster, Landesvermessung, Flurbereinigung und den technischen oder ingenieurvermessungstechnischen Zweig. Ist praktisch das, was AFRY heute macht und früher auch schon gemacht hat. Mich hat sehr gereizt, diese Ingenieurvermessung und insbesondere dann auch die komplizierten Sachen wie zum Beispiel Tunnel oder Talsperren, wo es also wirklich um komplizierte Vermessungssysteme geht, sogenannte geodätische Netzwerke. Und das hat mich sehr interessiert und das hat mich dann auch tatsächlich von der Hochschule zu der Vorgängerfirma von AFRY praktisch gebracht, von der Firma in Deutschland, die damals BPI hieß, die dann über Umwege zu AFRY kam. Im Laufe der Zeit, und dort sind wir dann eingestiegen, auch hier mit n paar Kollegen, die heute noch da sind, und haben dann das große Glück gehabt, ne große Bahnstrecke, nämlich die Neubaustrecke Köln-Frankfurt bearbeiten zu dürfen, wo dann genau dieser Wunsch, den ich vorhin geschildert habe, eigentlich komplett zum Tragen kam. Es gab also Brücken, Tunnel, Bahnhöfe und man konnte sehr viel Vermessung, Geodäsie, Netzmessungen, Verformungsmessungen, all diese Sachen betreiben und wir konnten dann das Geschäft eigentlich auch von einer kleinen Einheit über die Jahre dann hochziehen zu einer Abteilung. Und die hat sich trotz einer überschaubaren Größe doch glaub ich n Namen gemacht im Bereich der Eisenbahnvermessung und auch im Bereich der Vermessung von Wasserstraßen, insbesondere Schleusen und Wehre.

00:04:35: Stephan Und dann kam ja irgendwann der Übergang vom Vermessungsingenieur zum Management. Was hat dir darin gefallen und was fehlt dir vielleicht? Schaust du noch nostalgisch zurück auf die Zeit, wo du noch draußen warst?

00:04:50: Michael Also tatsächlich, wenn ich ganz ehrlich bin, nein. Das ist aber kein, wie soll ich sagen, Verrat an der Vermessung. Es war dann so wie vorhin geschildert. Man musste sich mit zunehmender Größe auch anders aufstellen und da gab es den Bereich des Managements oder der Verwaltung, Projekte zu akquirieren, Projekte zu leiten, Projekte auch kaufmännisch, also finanziell zu führen und zu steuern. Und das hat mich sehr interessiert. Also ich bin auch n klarer Verfechter davon, dass wenn man eine Projektleitung übernimmt, man die technisch und kaufmännisch machen sollte, weil das eine von dem anderen nicht zu trennen ist. Und ich glaube, es ist auch kein gutes Zeichen oder keine gute Entwicklung, wenn man sagt: Die Ingenieure sollen sich nur um die Technik kümmern und Kaufleute, Volkswirte et cetera kümmern sich um die kaufmännische Seite. Der Ingenieur sollte in der Lage sein, auch seine Arbeit zu bewerten, was sie wert ist, wie er sie verkaufen kann, das kann man alles lernen. Das hab ich selbst sehr gut erlebt an meinem Beispiel. Und dann kam tatsächlich 2016 die Chance, dass die Geschäftsleitung mir die Position angeboten hat, eben die gesamte BU Transportation zu übernehmen. Und da freue ich mich auch heute noch, dass ich das Angebot bekommen habe und nach nunmehr acht Jahren macht mir das also nach wie vor sehr, sehr viel Spaß.

00:06:08: Stephan Und n Plädoyer für die integrierte Blickweise auf Projekte, was du gerade gegeben hast, was du aber irgendwie ja auch in deiner Person dann verkörperst…

00:06:18: Michael Also ich kann natürlich jetzt nicht über Details bei der Statik oder bei speziellen Aufgaben aus der Leit- und Sicherungstechnik mitreden oder Geotechnik oder… Wir haben ja viele Zweige, aber das Grundverständnis einer Bahnanlage und wie die Leistungsphasen sind und was man benötigt, das ist dann doch über die vielen Jahre der Projekttätigkeit sehr tief verankert. Und ich glaube auch, dass das hilft, wenn man diese Erfahrung hat. Also reines Management, ich sag mal ohne diesen Background, wäre es sicher an manchen Stellen nicht ganz so einfach, die Dinge zu verstehen. Und auch ich glaube auch, die Akzeptanz beim Kunden und auch letztendlich im Team ist durchaus groß, wenn man weiß, wie die Dinge laufen und da mitreden kann, also nicht schlaubergerisch oder besserwisserisch, sondern man weiß wie die Zusammenhänge sind, wenn man in Verhandlungen ist mit dem Kunden. Dann ist es glaub ich n Unterschied ob man jetzt nur für die kaufmännische Seite verantwortlich ist oder auch das Technische mit besprechen kann. Ich glaube, es ist uns geglückt. Wir haben ja viele Leute, die beides abdecken, dass wir durch diese breite Kenntnis auch vieles steuern konnten, das AFRY letztendlich in Verhandlungen, in Nachtragsverhandlungen, Vertragsverhandlungen dadurch zeigen konnte, dass wir der richtige Partner sind. Stephan Das gibt mir die Möglichkeit, ein bisschen auf den Markt an sich zu gucken mit dir. Auf dem Planungsmarkt wird ja viel diskutiert über Verkehrsinfrastruktur in Deutschland, meistens negativ. Der schlechte Zustand der Verkehrsinfrastruktur ist n Dauerthema. Wie blickst du drauf als Profi und siehst du irgendwie Trends? Siehst du Veränderungen?

00:08:01: Michael Also ich möcht mich tatsächlich am Bahn-Bashing nicht beteiligen. Natürlich sind Züge verspätet und sicher ist es auch hochgradig unangenehm, wenn man gerade als Berufspendler oder auch Geschäftsreisender ständig irgendwo steht und den Anschluss verpasst oder verspätet unterwegs ist. Nur dann ist es auch so: Die Kritik ist dann schnell geäußert. Wenn jemand mit dem eigenen PKW im Stau steht, dann nimmt er das hin und niemand stört sich, dass jetzt sagen wir mal die Straßenverwaltung oder irgendwelche anderen Leute da jetzt nicht mitmachen und es nicht schneller geht. Das ist vielleicht n bisschen hoch eskaliert, dass man gerne auf die Bahn schimpft. Das ist n sehr kompliziertes System, komplexes System und deswegen nicht so leicht zu bewerten. Was ist da jetzt tatsächlich störanfällig und was nicht. Dass die Verkehrsinfrastruktur immer wichtiger wird, ich glaube das ist unbestritten, insbesondere die des öffentlichen Personennahverkehrs und des Schienenverkehrs, weil es auch damit eben ist möglich ist, umweltfreundlich oder klimaneutral zu reisen. Insofern ist der Ausbau aus meiner Sicht unbedingt nötig. Die Instandhaltung und der Ausbau, und das sieht man ja auch an anderen Ländern. Ich würde mir tatsächlich sehr wünschen, dass eine nächste Regierung den Mut hat, einen Entwicklungsplan aufzulegen, so analog zum Schweizer Modell, wo wir nicht in Vier-Jahres-Rhythmen über Investitionsmittel nachdenken. In zweien ist schon wieder der Wahlkampf, sondern dass wir wirklich über zehn Jahre einen Infrastrukturplan haben mit einem klaren Profil. Was wollen wir erreichen? Welchen Zustand im Netz im Bahnnetz wollen wir? Und dass man den dann finanziell ausstattet und somit Sicherheit schafft für Planungsfirmen, für Baufirmen, für alle Beteiligten, auch mit einem Horizont. Und da muss mehr passieren, das ist im Moment, glaube ich, die größte Schwachstelle, dass dieses politische Entscheiden an Wahlen sich orientiert und zumindest nicht an den technischen Bedarfen der Infrastruktur.

00:10:08: Stephan Wenn ich dich richtig verstehe: Was die Langfristigkeit der Planung betrifft, ist die Schweiz durchaus ein Vorbild?

00:10:14: Michael Ich trau mich das tatsächlich jetzt nicht so ganz genau zu sagen. Zum einen muss man auch vergleichen: Wir haben 36 000 Kilometer Schiene in Deutschland, also ein viel größeres Netz als die Schweiz. Die Schweiz steckt seit vielen Jahren mehr Geld pro Kopf in ihr Bahnsystem. Ich weiß nicht, ob man es so direkt vergleichen kann und ich glaube auch, dass die Schweiz n anderen Zugang zur Bahn hat. Dort liebt man glaub ich die Bahn. Sie fährt auch bis ins allerletzte Dorf und wenn nicht, ist da der Postbus. Das ist in Deutschland anders. Ich glaube, es wäre trotzdem gut, wenn man die Versäumnisse aus der Vergangenheit jetzt behebt, indem man finanziell das Ganze so ausstattet, dass es funktioniert und vor allen Dingen, dass man auch dafür wirbt, dass eben ein funktionierender Bahnverkehr für alle n Vorteil bringt. Wir haben vorhin über die Neubaustrecke geredet, ganz kurz noch mal zurück. Da gab es auch Fragen: Braucht es in Limburg und in Montabaur Bahnhöfe und muss die Strecke da durchfahren? Es gab Befürworter, es gab Gegner. Heute hat sich in Montabaur ein Industriezentrum herausgebildet mit namhaften Unternehmen. Das wäre ohne diese Strecke dort niemals.

00:11:33: Stephan Ja, das ist, glaube ich, ein interessanter Punkt, also die Infrastruktur auch als Vorreiter für die Entwicklung und nicht nachgeordnet als etwas, was man erst dann installiert, wenn schon genügend Leute da sind. – Wie siehst du den Markt? Also gibt es überhaupt genügend Planer in Deutschland, um den Bedarf der nächsten Jahre abzudecken? ist da irgendwie ne Unterversorgung, auch was Fachplanung betrifft?

00:11:45: Michael Es könnte schon sein. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente, das merken wir selbst in der Firma, das merkt man auch beim Kunden. Man muss dann aber auch dazu sagen, die Leute, die gar nicht erst an die Uni gehen, die werden wir auch später nicht gewinnen können, dass sie für AFRY arbeiten. Insofern muss man vielleicht auch mal nachdenken, wie kann man diese Berufe attraktiver machen. Also sprich auch vielleicht mal in die Schule gehen, in Oberstufen, in Leistungskursen wie Mathematik, Physik vielleicht auch mal werben dafür. Was macht eigentlich ein Bauingenieur? Was macht ein Vermessungsingenieur? Wie wird eine Bahnanlage geplant? Und gerade im Hinblick auf den Klimaschutz und auch die Minderung von CO2. Man kann damit insbesondere auch junge Leute begeistern, dass sie aktiv mit einem Beruf, zum Beispiel des Bauingenieurs, dazu beitragen können, Klimaschutz zu betreiben.

00:12:41: Stephan Das wäre sozusagen schon für den Elevator Pitch. Es wäre schon einer der Sätze, den Du vielleicht sagen könntest, um Schülerinnen und Schüler zu begeistern für den Bereich Bauingenieurwesen, Vermessungsingenieurwesen.

00:12:52: Michael Ja, es ist tatsächlich so. Es ist n technisch anspruchsvolles Gebiet, ist aber sehr interessant. Ist vielfältig, gerade im Bereich, den wir hier abdecken, eben Planung von Schienen und Straßen, das ist sehr, sehr anspruchsvoll und man kann auch aktiv das Klima mit dazu beitragen, dass es geschützt wird. Den Fachkräftemangel, den können wir nur eben ausgleichen, indem wir Leute dafür begeistern und ja, mehr Absolventen an die Universitäten bringen.

00:13:25: Stephan Jetzt gibt es noch n anderes Thema, von dem ich weiß, dass es dir am Herzen liegt:das Thema Digitalisierung, Modernisierung auch unseres Arbeitsfeldes. Also siehst du da auch ne Möglichkeit, vielleicht dem Fachkräftemangel zu begegnen, dass wir effizienter werden irgendwie, oder digitalisieren wir uns vielleicht auch zu Tode? Haben wir immer mehr Daten, immer mehr Aufwand dadurch? Also wo siehst du da den Trend?

00:13:47: Michael Das ist auch ne gute Frage und wir haben erkannt, dass wir eben uns dieser Herausforderung stellen müssen. Wir haben rechtzeitig auch auf diese Methode BIM gesetzt, also Building Information Modeling. Das digitale Planen, das kommt auch dazu. Das Thema der Geoinformationssysteme. Es kommt das Thema der Nachhaltigkeit dazu und auch der künstlichen Intelligenz. Und natürlich sind das Felder, die dazu beitragen, dass Aufgaben vielleicht einfacher, schneller, automatisierter erledigt werden können, aber man muss klar sagen, erst muss man mal wissen, was man tut. Und es ersetzt nicht die vorhin schon erwähnte, das Knowhow des Ingenieurs, der erstmal muss wissen, welche Brücke oder welchen Verkehrsweg plane ich. Wie ordne ich die Gleise an? Wie mache ich die Gründung der Brücke. Das muss alles durchdacht sein. Nur dann gibt es sicher auch gerade in Zukunft tolle Möglichkeiten, dass dann was danach kommt, zu vereinfachen, zu beschleunigen und vor allen Dingen die Prozesse, die wir planen, erstmal zu durchdringen. Sind die richtig angeordnet? Dann sie zu automatisieren. Also was Schlechtes zu automatisieren, bleibt schlecht. Es ist dann nur automatisch, aber immer noch schlecht, und wir wollen das bei AFRY machen, dass wir unsere Prozesse durchdenken, analysieren, erst optimieren und dann digitalisieren. Das ist unser Weg. Aber es ersetzt, das möchte ich auch wirklich betonen, ersetzt nicht die Kernkompetenz des Ingenieurs.

00:15:15: Stephan Also das Traditionelle, was vor n paar Jahrzehnten vielleicht auch schon galt, dass ist immer noch relevant?

00:15:23: Michael Das ist auch mit eine der Herausforderungen. Du hast vorhin gefragt, was sind so die Herausforderungen: Dass wir natürlich schauen müssen, dass wir da junge Leute, neue Leute auch vielleicht Leute aus anderen Berufszweigen, für unser Geschäft begeistern können. Dann natürlich auch so integrieren, dass sie ins Planungsgeschäft hineinwachsen und das nicht nur, indem die Alterfahrenen da mit ihrem Wissen glänzen oder das Wissen nur begrenzt herausrücken, sondern wir wollen da ganz offen sein. Wir überlegen uns auch, wie können wir ein Wissensmanagement etablieren, wie wir dann solche Knowhow-Transfers sicherstellen können und auch breiter fassen können. Aber nichtsdestotrotz, ich habe die Tage noch mit einem erfahrenen Kollegen gesprochen, der auch gesagt hat, wir müssen auch mal unsere jüngeren Kollegen einfach die Aufgabe geben und sagen, jetzt mach die mal, mach deine Erfahrung. Du darfst auch Fehler machen. Dass ist auch bei uns ne ganz wichtige Sache, ne Fehlerkultur, weil aus solchen Fehlern lernt man am meisten. Es nutzt nix, wenn man immer nur vorgekaute Methoden nachmacht, sondern man muss auch mal selbst was probieren und dann sehen, wo man eigentlich auch steht und wie man sich weiterentwickeln kann.

00:16:42: Stephan Hast du ja auch an deinem eigenen Werdegang am Anfang festgemacht, ne, also auch du hattest ja relativ schnell großes Projekt. Ich glaub, du hast es vorhin so ausgedrückt: Man hatte halt auch vielleicht nicht so viel Angst oder nicht so viel Bedenken.

00:16:45: Michael Das ist tatsächlich so. Man sollte keine Angst vor Projekten haben oder auch vor Schwierigkeiten im Projekt, sondern da ist die Organisation, speziell unsere Organisation, groß genug, um solche Probleme zusammen zu lösen. Da ist niemand allein. Wir sind wirklich, wie wir vorhin schon gesagt haben, auf 11 Standorte verteilt und sind trotzdem sehr, sehr gut vernetzt. Wir haben ein Wort, das kommt aus unseren Leadership-Kriterien, also aus den Führungsleitlinien. Das nennt sich: Begeistere oder „empower“, ermutige andere, das gefällt mir sehr gut, also ermutigen. Leute zu ermutigen, trau dich das, probier‘ das und dann kriegen wir das schon hin. Das ist glaub ich n ganz guter Weg. Stephan Siehst du denn vielleicht bei jetzt der nachkommenden Generation junger Ingenieurinnen und Ingenieure irgendwie auch andere Erwartungen an, vielleicht dich als Arbeitgeber oder als Leiter eben eines Geschäftsbereichs? Gibt es da Dinge, die heute wichtiger wären, auf die du vielleicht auch mehr achten musst?

00:17:48: Michael Ich glaube, dass das Thema Personalführung sich grundlegend gewandelt hat. Und da möchte ich auch gar nicht mehr unbedingt die alten Zeiten zurück. Die waren nicht nur schön, also jede Zeit hat ihre Zeit der Personalführung. Heute ist das ne andere Führung. Natürlich muss am Ende jemand entscheiden, aber die Zusammenarbeit – das liegt ja schon im Wort, Zusammenarbeiten – das ist doch sehr auf Augenhöhe geprägt und da gibt es sicher heute andere Anforderungen an Führung, egal welchen Alters, dass man das partnerschaftlich macht und gemeinsam. Und ich mag auch sehr gerne dass ein Team sich insgesamt organisiert und nicht ein einer ist, der Boss. Das haben wir natürlich auch, aber wir versuchen auch da neue Wege zu gehen, indem wir mal versuchen, Gruppen, kleinere Teams zu bringen, die sich, sagen wir mal, selbst organisieren, selbst führen, um dann auch die Verantwortung nicht mehr auf eine oder wenige Schultern zu verlagern, sondern eben das als Team durchzusetzen. Da glaube ich, dass es da schon Änderungen gab oder auch in Zukunft geben wird.

00:18:54: Stephan Damit hast du das Stichwort Zukunft schon angesprochen. Jetzt haben wir bei AFRY den Slogan Making Future, der sich auf alle möglichen Arten füllen lässt, und ich würde dich gern einladen, ihn ein bisschen für dich zu füllen. Also was würdest du sagen, sind aus deiner Sicht jetzt auch für den Geschäftsbereich Verkehrsinfrastruktur große Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen in den nächsten Jahren?

00:19:20: Michael Das ist zum einen, wie gerade schon gesagt, dieses Integrieren von Leuten in unserem Geschäftsbereich, also dass neue Leute, andere Leute in unseren Bereich kommen und dort arbeiten. Dann würde ich sagen, ist es sicher eine Herausforderung, die Projekte, die wir so jetzt in den letzten 23 Jahren gesehen haben, werden immer komplexer. Will nicht sagen komplizierter, aber komplexer. Wir sind nicht so sehr der Dienstleister von früher, der da gehorcht, um das mal zu benutzen, sondern auch da ist ne Partnerschaft und man tauscht sich sehr gut aus und man empfiehlt auch oder berät den Kunden, wie man das gemeinsam macht. Das ist sicher ne Herausforderung, und ich glaube der Punkt, den wir auch schon angesprochen haben, ist natürlich die fortschreitende Digitalisierung, da eben die Klammer zu finden, wie vorhin schon genannt der Digitalisierung, Automatisierung und dem Einbringen von neuen Methoden. Aber auch diese Basics, dieses Kern-Rüstzeug, um da mal so n alten Begriff zu verwenden, nicht zu vernachlässigen. Ist sicher ne Herausforderung, dann vielleicht eine letzte. Das kann ich aber im Moment nicht, das wird das Thema KI sein. Da wird sich dann zeigen, was das für eine Auswirkung auf uns hat. Aber wir sind auch da bereit, uns dieser Herausforderung zu stellen und wollen uns gut vorbereiten.

00:20:40: Stephan Ich hatte noch einen Punkt, den ich gerne noch nachfragen wollte und jetzt überlege ich gerade, was das war. Ja genau, jetzt fällt’s mir wieder ein: das Thema Regulierung. Glaubst du, dass die vielleicht zunehmende Regulierung im Bereich Verkehrsinfrastruktur in Deutschland, dass das n Problem ist? Ne Herausforderung für die Zukunft oder würdest du eher sagen, das hilft uns, oder?

00:21:03: Michael Damit können wir ganz selbstverständlich umgehen. Also wenn du mit Regulierung meinst, Regelungen im Planungsprozess, dann würde ich mir wünschen, dass vielleicht da auch wirklich diese schon oft erwähnten Vereinfachungen gibt, um eben Planungsprozesse nicht unendlich lange laufen zu lassen. Wir haben aus Gesprächen mit Kunden auch Informationen über Projekte, wo seit 10 Jahren geplant wird, ohne dass auch nur ein Schotterstein in der Örtlichkeit mal liegt oder ein Gleis gebaut wird. Ich glaube, das hilft gar niemandem, außer dass es Geld ist und auch ermüdend für alle Beteiligten ist. Es wäre sehr wünschenswert, wenn man tatsächlich, wie vorhin schon gesagt, einen Plan hat, was man realisieren möchte, wo das Bahnnetz, um mal beim Bahnnetz zu bleiben, das gilt auch für das Straßennetz, wo in fünf oder zehn Jahren sein soll. Und dann muss es auch gemacht werden. Da würde ich mir tatsächlich weniger Regulierung wünschen und eben mehr Ergebnisorientierung.

00:22:04: Stephan Ich habe noch eine Off-Topic-Frage, die ich dir gern stellen würde: Wenn du zurückblickst auf deinen Werdegang als Vermessungsingenieur und jetzt eben Manager, gab es da mal Punkte oder gibt es den vielleicht immer noch, wo du sagst, ich würde eigentlich noch mal gerne was ganz Anderes probieren, was ganz Anderes machen? Anders gefragt: Du hättest mal ein halbes Jahr frei oder ein Jahr und könntest irgendwas anderes arbeiten. Gibt es so einen Bereich, in den du gerne mal reingucken würdest.

00:22:34: Michael Mir macht dieser Beruf und diese Position und die Aufgabe tatsächlich sehr, sehr viel Spaß. Ich gehe wirklich sehr gerne zur Arbeit, wenn man das mal so sagen darf, oder ins Büro. Und wirklich, das bedeutet mir sehr viel und gibt mir auch sehr viel, das finde ich also ganz, ganz toll. Wenn du mich jetzt tatsächlich vor die Frage stellst, ich müsste jetzt was machen, wenn ich jetzt irgendwie ein Jahr oder halbes Jahr was anderes machen sollte, da, da hätte ich tatsächlich zwei Sachen, die mich da reizen würden. Ich interessiere mich sehr für klassische Musik und gehe sehr gerne in Konzerte. Ich würde wahnsinnig gerne Konzertkritiken schreiben für Zeitungen. Das würde mir sehr viel Spaß machen. Ein Instrument spiele ich keins. Deswegen wäre es ne Anmaßung zu sagen, ich möcht da irgendwo aktiv mitmachen. Aber Kritiker sein, das würde mich sehr reizen. Das wäre ne tolle Sache. Und das zweite Thema: Ich bin privat sehr gerne in der Bretagne, in Frankreich und dort ist, wer dort schon mal war, kennt die Gegend, das ist sehr ländlich und auch viel Landwirtschaft. Ich könnte mir auch sehr gut vorstellen, dort, ich sage mal, mit landwirtschaftlichen Produkten, ich komme selbst vom Land, also tatsächlich, wie so eine Art Bauer, jetzt in Kleinform, zu machen, und irgendwie Gemüse, Kartoffeln oder sowas anzubauen und das zu verkaufen dort, das wäre also tatsächlich auch eine tolle Sache.

00:23:55: Stephan Oder der Hybrid zwischen Konzertkritik und Restaurantkritik.

00:23:59: Michael Nein, Restaurantkritik nicht, das ist tatsächlich nichts. Aber dieses Arbeiten mit den Händen auch im Garten oder so, das mag ich sehr, kann ich auch ganz gut, das wäre ein schöner, ein Ausgleich.

00:24:11: Stephan Und das war sie, Folge 6 von NEXT. Wenn ich die Erkenntnisse des heutigen Gesprächs auf den Punkt bringen soll, würden wir vor allem zwei Dinge einfallen. Erstens: Die Verkehrsinfrastruktur für die Welt von morgen kann nur gelingen, wenn wir langfristig planen, und zwar unabhängig von parteipolitischen Spielereien. Und zweitens: Wir brauchen eine gute Balance zwischen dem über viele Jahre erworbenen Fachwissen und dem Mut, neue Wege zu gehen. Erfahrung und Innovation dürfen kein Gegensatz sein. Soweit also meine Gedanken zum Schluss. Auf jeden Fall freue ich mich aber, dass ihr bis hier in dabei wart. Für Anregungen, Fragen, Wünsche und Kritik erreicht ihr uns wie immer unter next@afry.com. In ein paar Wochen gibt es hier eine neue Folge. Schön, wenn ihr auch dann wieder einschaltet. Bis dahin wünsche ich euch eine gute Zeit, bleibt positiv und denkt an was Neues.

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